Futterneid

Der rituelle Näpfetausch
oder
was ist eigentlich “Futterneid”

    Haben Sie diesen guten Rat auch schon gehört:
    “Wenn Dein Hund ein mäkeliger, schlechter Fresser ist, braucht er nur einen weiteren Kumpel und siehe da: der Futterneid macht’s!”
    haha - diese Sorte Ratgeber haben noch nie etwas von der Individualität der Neufis gehört!

    Unser Norris war ein solcher mäkeliger Fresser - bis zur Kastration, die notwendig wurde, als bei ihm im Alter von 9 Jahren und 10 Monaten ein Hodentumor entdeckt wurde. Er blieb gottseidank im Wesen völlig unverändert, nur seine Fressgewohnheiten änderten sich insofern, als er sich nicht mehr lange an seinen Napf bitten ließ, sondern diesen seither mit Appetit meistens zügig leer macht. Fressen ist seither sein erstes Hobby.

    Vorher war das anders. Gierig den Napf leergemacht hat er nur zu Beginn der Winterzeit im November/Dezember, so daß wir manchmal nicht so recht wußten, ob wir diesen Hund überhaupt ausreichend ernähren konnten. Spätestens zu Sylvester war Schluß damit - erst die Vorahnung und dann die Knallerei direkt verdarben ihm von vornherein den Appetit. Meistens folgte direkt im Anschluß die “heiße Zeit” der läufigen Hündinnen  - nicht nur zwei Wochen - so pünktlich sind die Damen ja auch wieder nicht - Norris’ “Fastenzeit” und seine Karriere als mitternächtlicher Barde (“Mondlieder an eine unbekannte Schöne”) dauerten in der Regel mit kleinen Unterbrechungen ca. 4 - 6 Wochen, bis alle “Schönen” aus der Nachbarschaft mit ihrer Läufigkeit durch waren.

    Nun, dann kam das Frühjahr mit ansteigenden Temperaturen, was einem Neufundländer auch den Appetit verderben kann. Erst recht der Sommer, dann wieder der Herbst mit den heißen Hundedamen - bis schließlich wieder die Zeit für Freßlust ungefähr ab November gekommen war.

    Nicht dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Norris war nie ein magerer Hund. Nein, nein, er wußte ganz genau, wann, wo und wie er bekam, wonach ihm der Sinn stand. Allzu leicht hatte er sein “Frauchen” durchschaut, vom “neufi-verliebten” Herrchen ganz zu schweigen. Versehen mit Futterempfehlungen vom Züchter, die nie ganz konsequent umgesetzt wurden, ohne wirkliche Hundeerfahrung und in dem steten Bemühen, ihn mit allem zu versorgen, was für sein Wohlbefinden und seine Gesundheit gut war, taten wir alles (unbewußt), was sein Selbstbewusstsein und seine Durchsetzungsfähigkeit stärkte. Ohnehin ein eigenwilliger, starker Rüde mit eigenständigem, eher: eigenbrötlerischem Charakter, gut getarnt als “Langweiler” (“komm ich heut nicht, komm ich morgen” oder “Spielen?-igitt, lass mich doch in Ruhe!”) - war sein Vertrauen so gestärkt, dass er seine Fressgewohnheiten auch dann nicht änderte, als Welpe “Rusty” ins Haus kam.

    Wir haben wirklich gestaunt: ob Futter- oder Wassernapf - dem Welpen ließ er immer den Vortritt !

    Was Norris -nur wir anfangs nicht- einkalkuliert hatte, trat ein: nur um des Welpen willen durfte der alte Hund nicht zurückstehen. Getrenntes Füttern war die Folge und alternativ: Extra-Leckerlis für Norris. Das funktionierte eine gewisse Zeit. Irgendwann lernen aber auch “Herrchen und Frauchen” dazu: gleich gut gefüllte Näpfe für jeden hinstellen - mal sehen, wer gewinnt. Der Verlierer muß warten und “hungern”.

    Inzwischen ist auch Rusty erwachsen; körperlich größer als Norris, unterwirft er sich als Zweijähriger immer noch dem zehnjährigen dominanten Norris. Beim Futter zeigt er sich weit weniger wählerisch und seine Art zu fressen ist völlig anders. Rusty macht seinen Napf in einem Zuge - aber geniesserisch und in Ruhe -  völlig leer. Vorher schaut er aber stes vergeblich nach, ob Norris vielleicht doch “Anderes” oder “Besseres” im Napf hat. Norris schlingt hinein, so viel er kann, und läßt meistens noch etwas übrig.

    Der Clou aber ist folgender: beide Hunde haben gelernt, dass die Bosse -also wir- den “Futterklau” in der Regel nicht zulassen. Das liegt an unserer Rudelrangordnung: 1.Boss=Herrchen, gleichrangig: Alpahündin=Frauchen, untergeordnet unter beide, aber sehr nahe am 1.Boss also zweitrangig Norris=Majordomus, drittrangig: Junghund Rusty! Keiner von beiden kann und darf den 1.Rang erreichen, wohl aber können sie um den 2. und 3.Rang wetteifern (bei anderen Rassen kann dies zu echten Kämpfen auf Leben und Tod führen, daher wird häufig davor gewarnt, zwei unkastrierte Rüden zu halten). Weil sie also wissen, dass wir darauf bestehen, dass beide “ihren” Napf leermachen, ohne daß der andere dabei stört, kommt es sehr oft vor, daß sie ihre jeweiligen Näpfe weitestgehend leer machen und dann - tauschen ! Jeder frisst dann die Reste aus dem Napf des jeweils anderen. Es ist ihr “ritueller Näpfetausch”. In diesen Zeiten ruht ihr Rangkampf. .

    Dass Hunde Rituale als feste Bestandteile ihres Tagesablaufes lieben, hat wohl jeder Hundefreund schon beobachtet.  Dass sie sich solche selbst einrichten, ist vielleicht doch nicht so häufig.

    Unser Fazit:
    Angesichts der Ernährungssituation unserer Hunde in der aktuellen Umwelt gibt es keinen “Futterneid” - ungebrochen ist dagegen die Notwendigkeit der  unbedingten, in Bezug auf die individuelle Persönlichkeit aber stets veränderlichen Hierarchie des Rudels - das überlebensnotwendige Wolfserbe unserer Hunde.

    Also - bis zur nächsten Geschichte:
                                                                                                             wahren Sie Ihren Rudelrang !

 

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